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Der Fall Gäfgen: Ein böses Frankfurter Märchen

Mir ist zum Kotzen schlecht! Ich habe mir an einem bösen Frankfurter Märchen die Seele verdorben. Die Geschichte ist schnell erzählt: Da war einmal ein zügelloser Studiosus, der – ohne über genügend Dukaten zu verfügen – in Saus und Braus lebte. Als seine Schulden sich häuften, gewann der Teufel in ihm die Oberhand. Er kaperte einen 11-jährigen Knaben und erpresste von seinen betuchten und besorgten Eltern einen Haufen voller Goldmünzen. Als er bei seinen Händeln vom Büttel des Königs (dem Frankfurter Polizeichef) ertappt wurde, drohte dieser ihm Prügel an. Denn er wollte damit das Leben des Kindes retten. Doch der Knabe war längst aufs Grauslichste um sein Leben und seine Zukunft gebracht.
Allerdings herrschen in dem Reich, in dem unsere Geschichte stattfindet, wunderliche Gesetze. Und so kam es, dass der Frankfurter Büttel des Königs an den Pranger gestellt und mit Schimpf und Schande aus seinem Amt gejagt wurde! Der herzlose Student hingegen durfte sein schändliches Leben bei voller Kost und Logis auf Kosten des Königs genießen – geschützt durch dicke Mauern, damit ihm die Eltern und alle, die guten Herzens sind, nicht den Garaus machen konnten.

Dem skrupellosen Sträfling ging es im Kerker so gut, dass er sich heuer gar bei Hofe beschwerte: Ein Sack voller Gold stehe ihm zu. Er könne nämlich nachts schlecht schlafen, weil ihm der Büttel des Königs seinerzeit mit Prügel gedroht habe. Und da in diesem Land halt nun mal wunderliche Gesetze herrschen, gab man ihm bei Hofe recht. Und wenn er nicht gestorben ist …

Post Scriptum, FAZ.net vom 4.8.11:
Das Land Hessen muss dem verurteilten Kindsmörder Magnus Gäfgen wegen der Folterdrohung in einem Polizeiverhör eine Entschädigung zahlen. Gäfgen erhält nach der Entscheidung 3000 Euro und Zinsen, entschied das Landgericht in Frankfurt am Donnerstag. Der 36-Jährige hatte 10.000 Euro und einen Schadenersatz in unbekannter Höhe gefordert und argumentiert, er leide wegen der Drohungen unter psychischen Spätfolgen.
Die Polizei hatte mit ihrer Drohung im Verhör den von Gäfgen entführten Bankierssohn Jakob von Metzler retten wollen. Die Leiche des Kindes war wenig später aus einem Tümpel geborgen worden, nachdem Gäfgen das Versteck im Verhör verraten hatte. Diese Folterandrohung der Polizei nannte der Vorsitzende Richter Christoph Hefter „rechtswidrig und verwerflich“. Die Beamten hätten „durch die Androhung von Schmerzen planvoll und vorsätzlich in die Menschenwürde eingegriffen“, sagte Hefter. Dieses höchste Verfassungsgut könne aber keinem Menschen abgesprochen werden, „mag es angesichts der von dem Kläger begangenen Straftat auch schwerfallen“.

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