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Eine kleine Reportage aus meiner Teneriffa-Zeit: Steinreiche Frauen und britische pintoras

Auf der Plaza in El Médano, direkt am Meer. Während der Woche spielen die Kinder hier. Auf dem hübschen, terrassenförmig angelegten Platz probieren dann die Knirpse und Ronaldos der Zukunft ihr Können im Spiel mit dem Ball. Derweilen genießt weißes, spärlich bekleidetes Touristenfleisch trotz des oftmals heftigen Windes die Strahlen der frühsommerlichen Sonne, den unverstellten Blick aufs Meer, einen Cafe con Léche, ein Bier oder eine Coke. Die alle naselang am Himmel auftauchenden Flieger wecken kein Heimweh, sondern die eher bange Sorge, dass man als Touri schon bald – oder als Resident vielleicht irgendwann einmal – dieses wunderschöne Fleckchen Erde wird verlassen müssen.

Nur ab und an wird das friedliche Bild abrupt gestört, wenn einer der Gäste der einzigen direkt auf der Plaza gelegenen Bar wütend das Weite sucht, weil er auch nach 20 Minuten noch nicht bedient worden ist. Das ebenso kurze wie stämmige Mädel, das ein Kellnertablett und seine breiten Hüften mit stoischer Gelassenheit über den Platz schiebt, stört das mitnichten. Mir dünkt, sie ist eine Fee, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in diesem Leben das Wort „tranquillo“ (langsam) neu zu definieren. Von all dem soll hier aber eigentlich gar nicht die Rede sein – obwohl der heutige Tag zu einem Schlendern der Gedanken und Worte durchaus einladen würde. Denn es ist Wochenende, genauer gesagt: Samstag. Und damit kommen wir unserem Thema schon entschieden näher. Denn Samstag ist Markt in Médano.

Morgens gegen ocho y medio (halb Neun) geht das bunte Treiben los. Die Händler beginnen ihre Stände aufzubauen, hier ein kleiner Plausch mit dem Nachbarn, dort ein café solo im Stehen – man kennt sich und genießt die geschäftige Routine. Nein, das ist nicht typisch spanisch. Das kann man auch in Köln-Nippes oder Hamburg-Altona erleben. Ungewöhnlich hingegen ist die internationale Mischung der Händlerschar. Zugegeben: Auch bei uns gibt es türkische oder griechische Olivenverkäufer auf den Märkten und holländische Gemüse- oder Textilhändler. Aber Laura aus Ecuador, die hier hübsche Pullover und handgewirkte Ware verkauft, während ihr peruanischer Kollege wenige Meter weiter sanfte Töne der Pan-Flöte meisterlich zum Besten gibt, das hat schon Seltenheitswert. Und auch Shelby dürfte man auf deutschen Märkten wohl kaum finden. Die Britin ist pintora (Malerin), eine sommersprossige Lady, die in Médano lebt und die es trefflich versteht, maritime Stimmung einzufangen. Bei ihr wird selbst der Rahmen noch zum Kunstwerk: Als Bilderrahmen dient angeschwemmtes Treibholz, das eine natürliche Einheit mit den barcos und vapos (Kähnen und Dampfern) eingeht. Übrigens: Shelby Healy ist ein Geheimtipp für Bar- und Restaurant-Besitzer. Denn sie stellt ihre Werke auf Kommissionsbasis gerne auch für Ausstellungen zur Verfügung.
Dann ist da noch Piero, der aus Italien stammt, ewig auf der Insel lebt und hübschen Schmuck designt: Ein altes, ganz liebes Hutzel-Männchen, das Wert darauf legt, zu betonen, dass es in Italien eine Rente bezieht und nur aus Spaß an der Freude Schmuck herstellt. Bei Raquel, der hübschen Mitvierzigerin ist das anders. Die „steinreiche“ Frau ist eine professionelle Händlerin, die sonntags auch den Markt in Santa Cruz bedient – und zwar mit Aquamarinen, Bergkristallen, Citrinen, Hämatiten, Obsidianen und Rosenquarzen … Die Liste der Halbedelsteine ist lang; es gibt sie in jeder Qualität und Größe, geschliffen oder naturbelassen und zu Preisen, die man in Deutschland vergeblich sucht. Des Weiteren kann man in Médano afrikanische Handarbeiten erstehen – hübsche Ledertaschen für kaum mehr als zehn Euro oder Plastiken aus Holz in den unterschiedlichsten Größen und Preisklassen. Daneben gibt es Hemden, Hosen, Käppis und jede Menge Krims-Krams: Und manchmal wenn man Glück hat, dann findet man in Médano auch einen Stand, der ganz besondere Geldbörsen, Ketten, Ohrringe usw. anbietet – gefertigt aus Kokosnuss. Hätte ich Ihnen gern im Foto gezeigt. Aber Marcel glänzt an diesem sábado (Samstag) durch Abwesenheit. Ob er wohl die Verse seines Landsmannes Jacques Prevert im Kopf hatte? Wie schrieb der einst so schön: „Sag lieber Freund, sollte man es sich nicht recht bedenken, einen solchen Tag dem Chef zu schenken?“

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